Tagung der AG Sprache in der Politik: Sprache und Partizipation in Geschichte und Gegenwart

Category
Date
20. March 2017 13:00 - 21. March 2017 13:00
Registration Deadline
20. March 2017
Universität Bremen
Fachbereich 10: Sprach- und Literaturwissenschaften
Postfach 330440
28334 Bremen
http://www.philippdreesen.de/

Unter politischer Partizipation wird üblicherweise die Teilhabe an allgemein verbindlichen (Entscheidungs-) Prozessen verstanden, prototypisch die Teilnahme an Wahlen. Die Tagung möchte demgegenüber in einem weiten Politikverständnis (vgl. Schröter/Carius 2009: 12) einem historisch ausgerichteten Partizipationsbegriff folgen, indem Partizipation allgemein als Versuch teilnehmender Einflussnahme auf politische und gesellschaftliche Prozesse verstanden wird. Dabei geht es insbesondere auch darum, die Perspektive nicht auf Ausdrucksformen der Partizipation westlicher demokratischer Systeme des 20. und 21. Jahrhunderts zu beschränken.
Partizipation ist soziales, kommunikatives Handeln. Ein großer Teil dieses Handelns setzt Sprachfähigkeit und Sprachkompetenzen nicht nur voraus, er funktioniert v. a. mittels Sprachgebrauch. Fasst man mit Peter von Polenz Sprachgeschichte als Sozialgeschichte auf, ist es unseres Erachtens reizvoll, individuelles wie auch gruppenspezifisches Sprachhandeln unter dem Aspekt seiner partizipativen Funktion zu betrachten. Etikettieren lässt sich dieses Anliegen als „Sprachgeschichte von unten“ (Elspaß 2005: 12–20).
Die Tagung möchte auf vier Aspekte von Sprache und Partizipation in Geschichte und Gegenwart im skizzierten Sinne fokussieren:
(1) Sprachlich-kommunikative Formen wie Streikaufruf, Leserbrief, Supplik, Petition und Eingaben (vgl. Fenske 2013, Püschel 1995, Grosse et al. 1989, Tenfelde/ Trischler 1986) können je nach Äußerungsort und -umstand als Partizipationsversuch aufgefasst werden. Weitere Perspektiven ergeben sich zudem in einem internationalen Blickwinkel, der nicht auf partizipatives Sprachhandeln in westlichen Demokratien beschränkt ist (bspw. sog. Arabischer Frühling). Auch in der gegenwärtigen westlichen repräsentativen Demokratie sind neue sprachlich-kommunikative Formen politischer Partizipation entstanden, z. B. Protestformen von 1968 (vgl. Kämper/Scharloth/Wengeler 2012) und in den Neuen Sozialen Bewegungen. Hinzu kommen webbasierte Partizipationsmöglichkeiten (vgl. etwa Einspänner/Dang-Anh/Thimm 2014).
(2) Voraussetzungen von Partizipation sind u. a. sprachliche Kompetenzen (v. a. Schriftspracherwerb), Herstellung und Bewusstwerdung von Öffentlichkeit (vgl. Schiewe 2004) sowie nicht zuletzt Anerkennungsprozesse, etwa von schreibenden Frauen (vgl. Bland/Müller-Adams 2007).
(3) Barrieren partizipativen Sprachhandelns, besteht z. B. in kommunikativ-habituellen Ausgrenzungen („Sprechen-für-andere“, Dreesen 2013) und deren Überwindungsversuche (z. B. Alphabetisierung, Wahlprogramme und politische Bildungsangebote in barrierefreier Form (vgl. Dönges/Hilpert/Zurstrassen 2015), bspw. in sog. Leichter Sprache, vgl. Bock 2015).
(4) Partizipation wird in der Öffentlichkeit sprachlich eingefordert, thematisiert und verhandelt, z. B. bei Selbstvertretungsbewegungen von benachteiligten und marginalisierten Gruppen und bei Protestbewegungen wie PEGIDA und Stuttgart 21. Welche Barrieren werden im Hinblick auf Partizipation überhaupt diskutiert und kritisiert? Welche Funktion hat der Ruf nach ,Partizipation‘ in Diskursen (vgl. Bora 2005: 23)? Welche Schlagwörter werden im Kontext von Partizipation von welchen Gruppen wie verhandelt (z.B. Inklusion, Exklusion, Teilhabechancen, liquid democracy)? Dies sind nur einige der möglichen Fragen.
Die sprachwissenschaftlich ausgerichtete Tagung richtet sich an KollegInnen aus den Bereichen Politolinguistik, Soziolinguistik, Sprachgeschichte, Medienlinguistik, Diskurslinguistik, Angewandte Linguistik, Sprachdidaktik sowie Kommunikations- und Medienwissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Islamwissenschaft, Migrationsforschung, Psychologie u. a. angrenzenden Disziplinen.

Literatur
Bland, Caroline/Müller-Adams, Elisa (Hg.) (2007): Frauen in der literarischen Öffentlichkeit 1780–1918. Bielefeld, 121–142.
Bock, Bettina M. (2015): Barrierefreie Kommunikation als Voraussetzung und Mittel für die Partizipation benachteiligter Zielgruppen. Ein (polito-)linguistischer Blick auf Probleme und Potenziale von “Leichter” und “einfacher Sprache”. In: Vogel, Friedemann/Knobloch, Clemens (Hg.), Sprache und Demokratie. Themenheft auf Linguistik Online. URL: https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/2196/3365
Bora, Alfons (2005): Partizipation als politische Inklusionsformel. In: Christoph Gusy/Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Inklusion und Partizipation. Frankfurt am Main, 15–34.
Dönges, Christoph/Hilpert, Wolfram/Zurstrassen, Bettina (Hg.), Didaktik der inklusiven politischen Bildung. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung (=Schriftenreihe, Bd. 1617).
Dreesen, Philipp (2013): Sprechen-für-andere. Eine Annäherung an den Akteur und seine Stimmen mittels Integration der Konzepte Footing und Polyphonie. In: Kersten Sven Roth/Carmen Spiegel (Hg.), Angewandte Diskurslinguistik. Felder, Probleme, Perspektiven. Berlin, 223–237.
Einspänner-Pflock, Jessica/Mark Dang-Anh/Caja Thimm (Hg.) (2014): Digitale Gesellschaft –Partizipationskulturen im Netz. Berlin/Münster.
Elspaß, Stephan (2005): Sprachgeschichte von unten. Untersuchungen zum geschriebenen Alltagsdeutsch im 19. Jahrhundert. Tübingen.
Grosse, Siegfried et al. (1989): „Denn das Schreiben gehört nicht zu meiner Beschäftigung. Der Alltag kleiner Leute in Bittschriften, Briefen und Berichten aus dem 19. Jahrhundert. Ein Lesebuch. Bonn. Fenske, Michaela (2013): Demokratie erschreiben. Bürgerbriefe und Petitionen als Medien politischer Kultur 1950–1974. Frankfurt am Main.
Kämper, Heidrun/Joachim Scharloth/Martin Wengeler (Hg.) (2012) 1968. Eine sprachwissenschaftliche Zwischenbilanz. Berlin/Boston.
von Polenz, Peter (1994–2000): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, 3 Bde. Berlin. Püschel, Ulrich (1995): Vom Räsonnement zum Schlagabtausch. Leserbriefe vor und während der Märzrevolution 1848. In: Lerchner, Gotthard/Schröder, Marianne/Fix, Ulla (Hg.), Chronologische, areale und situative Varietäten des Deutschen in der Sprachhistoriographie, Frankfurt et al., 135–143.
Schiewe, Jürgen (2004): Öffentlichkeit. Entstehung und Wandel in Deutschland. Paderborn u. a..
Schröter, Melani/Carius, Björn (2009): Vom politischen Gebrauch der Sprache. Wort, Text, Diskurs. Eine Einführung. Leipzig-Hallenser Skripten, Frankfurt am Main u. a.
Tenfelde, Klaus/ Trischler, Helmuth (Hg.) (1986): Bis vor die Stufen des Throns. Bittschriften und Beschwerden von Bergleuten im Zeitalter der Industrialisierung. München.

Vorschläge für Beiträge erbitten wir bis zum 1. Oktober 2016 an: philipp.dreesen@uni-bremen.de

Organizer
AG Sprache in der Politik e.V.
Contact Person
Dr. Philipp Dreesen (Universität Bremen), Dr. Bettina M. Bock (Universität Leipzig)